Zweiteiliger Kurs für den Praxisalltag

Prof. Dr. Jens Christoph Türp, MSc, M.A., Basel, Schweiz

GAK 236 | 03.04.2019 | 14:00 Uhr

Editorial

Liebe GAK’ler und Freunde des GAK,

das Zeitalter der „Götter in Weiß“ ist unwiderruflich vorbei. Nicht nur, dass uns Versicherungen mit ihren Fragen zu zahnmedizinischen Indikationen ärgern, jetzt fangen auch noch die Patienten selber an, klinische Entscheidungen oft mit Hilfe von Dr. Google zu hinterfragen. Spätestens jetzt sollten wir wissen, was und vor allem warum wir etwas tun. Die Antwort „Das habe ich schon immer so gemacht“ wird heute keinen Patienten mehr zufriedenstellen.

Zum Wohle unserer Patienten sollten wir uns daher mit der Evidenzbasierten Medizin (EbM) beschäftigen. Ich möchte deshalb noch einmal den Blick auf den kanadischen Mediziner und Pionier der Evidenzbasierten Medizin, David L. Sackett, lenken, der EbM folgendermaßen definiert: „EbM ist der gewissenhafte, ausdrückliche und vernünftige Gebrauch der gegenwärtig besten externen, wissenschaftlichen Evidenz für Entscheidungen in der medizinischen Versorgung individueller Patienten. Die Praxis der EbM bedeutet die Integration individueller klinischer Expertise mit der bestverfügbaren externen Evidenz aus systematischer Forschung“ [1]. Die EbM soll uns also im praktischen Alltag unterstützen, für unsere Patienten die beste klinische Entscheidung zu treffen. Wir sollten daher die Evidenzbasierte Medizin als Chance und nicht als Schikane begreifen und uns idealerweise mit unserer klinischen Expertise aktiv einbringen.

Wie komme ich aber als rein praktisch tätiger Zahnarzt an die bestverfügbare externe Evidenz, den aktuellsten Forschungsstand? Diese Frage wird uns in einem Doppel-Seminar Professor Dr. Jens Christoph Türp, MSc, M.A. aus Basel beantworten. Zum einen wird er uns im Bereich der CMD-Diagnostik und -Therapie auf den aktuellsten Stand der EbM bringen. Zum anderen wird uns Professor Türp die Grundlagen für die Orientierung im Dschungel der Datenbanken und Fachliteratur vermitteln, um zukünftig selbstständig externe Evidenz bei klinischen Fragestellungen ermitteln zu können.
 
Es freut mich besonders, dass wir mit Jens Christoph Türp, Sprecher des Fachbereichs Zahnmedizin im Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V., einen führenden Experten im Bereich der EbM für den GAK gewinnen konnten. Als streitbarer Geist scheut er sich nicht, seine zum Teil unpopulären Standpunkte gegenüber einer Mehrheit zu vertreten. Er wird uns leidenschaftlich mit seiner eloquenten Art auf die Reise in die „EbM-Welt“ nehmen. Nutzen Sie die Gelegenheit für eine lebhafte, gerne auch kontroverse Diskussion.

Freuen wir uns auf Professor Jens Christoph Türp und kurzweilige Stunden zu einem scheinbar „trockenen Thema“.

Mit den besten Grüßen

Ihr Wolfram Kretschmar

Literatur:
1. Sackett DL. Evidence-based medicine and treatment choices.
Lancet 1997 Feb 22; 349 (9051): 570 – author reply 572–3.

Referent:

Prof. Dr. Jens Christoph Türp, MSc, M.A., Basel, Schweiz

Teil 1: Evidenzbasierte CMD-Diagnostik und -Therapie im Praxisalltag.

Für die Diagnostik und Therapie von Patienten mit kraniomandibulären Dysfunktionen (CMD) wird seit jeher eine Vielzahl an Konzepten angeboten, die sich hinsichtlich ihres theoretischen Unterbaus und ihrer praktischen Umsetzung zum Teil erheblich voneinander unterscheiden. Falsch wäre es, alle Behandlungsstrategien gemäß dem Motto „Wer heilt, hat Recht“ als qualitativ gleichwertig anzusehen. Ein Gradmesser für die Güte eines Behandlungskonzepts sind Nachweise für Wirksamkeit, Nutzen und Notwendigkeit einer bestimmten Maßnahme.

Konzepte, die allein auf der unkontrollierten Erfahrung eines Behandlers beruhen, werden zunehmend kritisch gesehen. Stattdessen wird gefordert, patientenbezogene Entscheidungen unter Berücksichtigung von Daten aus methodisch guten klinischen Studien zu treffen. Die dafür erforderlichen Informationen erhält man in Form von Fachliteratur (externe Evidenz), welche heutzutage zu einem großen Teil elektronisch zugänglich ist. Dieses forschungsbasierte schriftlich fixierte Wissen ‒ von dem man in Einzelfällen durchaus (aber stets begründet) abweichen kann ‒ bildet zusammen mit dem Können des Behandlers (interne Evidenz) und den Vorlieben und Werten des Patienten die Voraussetzung für eine nachweisgestützte (evidenzbasierte) Entscheidungsfindung.

In dem Fortbildungskurs wird den Teilnehmern ein modernes, (schmerz)medizinisch orientiertes Konzept vermittelt, das sie in die Lage versetzt,

  • eine klinische Funktionsdiagnostik auf valider Grundlage durchzuführen;
  • auf dieser Grundlage aufklärungsbedürftige Normvarianten von behandlungsbedürftigen Symptomen zu unterscheiden …
  • … und damit einfache von komplexen Fällen zu differenzieren;
  • CMD-Patienten nachvollziehbare Diagnosen zuzuordnen;
  • die erforderlichen Schritte einzuleiten.


Teil 2: Lesen schützt vor Erfinden - Literaturrecherche für den Praktiker.

Der Hirnforscher Wolf Singer äußerte im Jahre 2000 auf dem 43. Deutschen Historikertag in Aachen: „Erinnerungen sind datengestützte Erfindungen“. In der klinischen (Zahn-)Medizin ist als Ergänzung zur (unkontrollierten) klinischen Erfahrung daher zu fordern, bei der patientenbezogenen Entscheidungsfindung immer auch den aktuellen Stand der Fachliteratur zu dem jeweiligen klinischen Problem zu berücksichtigen.

Dies allerdings ist meist leichter gesagt als umgesetzt. Denn angesichts des tsunamiähnlichen Anwachsens der publizierten Fachliteratur (unterschiedlichster Qualität) fällt es nicht nur niedergelassenen Kollegen, sondern auch Universitätsangehörigen zunehmend schwer, den Überblick zu behalten, speziell in Bezug auf die Erkennung hochkarätiger Fachliteratur und ihre Abgrenzung von irrelevanten Druckerzeugnissen.

Aber auch in „guten“ Zeitschriften ist nicht jeder publizierte Artikel notwendigerweise „gut“. Daher ist es wichtig, in der Lage zu sein, Aussagen über die Qualität einer Publikation machen zu können.
In dem Vortrag werden folgende Punkte behandelt:

  • Welches sind die für Zahnärzte wichtigsten elektronischen Datenbanken zum Suchen nach relevanter Fachliteratur?
  • Welche Möglichkeiten gibt es, möglichst kostenfrei und legal Fachartikel im Volltext zu erhalten?
  • Was ist der Impact-Faktor?
  • Was versteht man unter dem Begriff „Räuberzeitschriften“ („Raubjournale“; engl.: predatory journals) und wie erkennt man diese? Gibt es solche auch in der Zahnmedizin?
  • Wie kann ich die inhaltliche Qualität von Fachpublikationen überprüfen (z. B. die Qualität von Handlungsempfehlungen/Leitlinien, von systematischen Übersichtsarbeiten, von Artikeln über randomisierte kontrollierte Studien oder über diagnostische Methoden, von Fallserien oder Fallberichten)?

Fragen von Kursteilnehmern sind bei beiden Fortbildungsthemen ausdrücklich erwünscht. Alle angemeldeten Teilnehmer erhalten schriftliches Material zum Nachlesen.